Gesundheit Digital: Non-Adhärenz, Selbstmanagement und digitale Medien

GESUNDHEIT DIGITAL: NON-ADHÄRENZ, SELBSTMANAGEMENT UND DIGITALE MEDIEN

Dieser Artikel erschien zuerst in unserem Schwesterblog “Gesundheit Digital”, der sich mit aktuellen Themen rund um die Gesundheitskommunikation beschäftigt. Gemeinsam mit unserem Partner Healthcare Manufaktur beleuchten wir dort den spannenden Prozess der Transformation von Gesundheitskommunikation ins digitale Zeitalter.

Gesundheit Digital: Non-Adhärenz, Selbstmanagement und digitale MedienWie bringt man einen Dreijährigen dazu, sich anzugewöhnen, regelmäßig selbst die Zähne zu putzen? Durch gutes Beispiel, Erinnerung, Überwachung, sicher. Aber idealerweise macht man ein Spiel daraus, bei dem es Belohnungen gibt und schon die Utensilien spielerisch daherkommen, da darf es auch mal die „Darth Vader Zahnbürste“ sein. Digitale Kanäle sind zur Adhärenz-Unterstützung ideal geeignet – natürlich durch Informationen und Erinnerungsfunktionen, aber sie bieten vor allem ideale Mittel zum eigentlichen Ziel: Der Verinnerlichung und des Selbstmanagements.

Menschen tun nicht immer, was sie tun sollten – was im Allgemeinen zutrifft, stellt sich nicht anders dar, wenn es im speziellen um den Mensch als Patienten geht. Adhärenz bzw. vielmehr Non-Adhärenz wird im Healthcare-Bereich in jüngster Zeit verstärkt thematisiert. Mangelnde Therapietreue ist schlecht für die Patienten und teuer für das gesamte Gesundheitswesen. Lediglich ca. 50 Prozent der Patienten mit chronischen Erkrankungen verhalten sich laut WHO adhärent. In der Folge nehmen bei solchen Patienten akute Komplikationen ebenso zu, wie sich die langfristige Prognose verschlechtert. Für das Gesundheitswesen bedeutet das steigende Kosten, die vermeidbar wären, Pharma-Unternehmen verlieren bis zu 50 Prozent ihres potentiellen Umsatzes. Durch Produktivitätsausfälle lässt sich der Schaden durch Non-Adhärenz bis zur volkswirtschaftlichen Ebene hochrechnen.

Selbstmanagement ist das Ziel

Da hier quasi alle in einem Boot sitzen, wird längst gegengesteuert. Nicht umsonst definiert sich der Begriff Adhärenz, im Unterschied zu dem älteren Terminus Compliance, durch das Zusammenwirken von Patient und Fachpersonal zu Gunsten der Patiententreue. Gerade Pharma-Unternehmen beginnen dieses Feld für sich zu entdecken, und richten Services, Informationsangebote und Therapiebegleitprogramme entsprechend aus.

Die Faktoren für Non-Adhärenz sind so vielfältig wie die Menschen es nun mal sind und brauchen hier nicht im Einzelnen beleuchtet werden. Die meisten Punkte laufen im Wesentlichen darauf hinaus, dass Patienten besser informiert sein müssen, diese Informationen aber auch verarbeitet und verinnerlicht werden müssen – was selten von heute auf morgen funktioniert. Denn am Ende stehen in der Regel Verhaltensänderungen, und wir wissen alle, wie hartnäckig (bequeme) Gewohnheiten ihren Platz in unserem Leben verteidigen. Selbstmanagement des Patienten ist der Maßstab, sowohl was die regelmäßige Einnahme von Medikamenten als auch Änderungen des persönlichen Lebensstils betrifft. Im Prinzip geht es darum, Selbstverständlichkeiten zu vergegenwärtigen: Ein Diabetiker sollte natürlich regelmäßig seinen Blutzucker messen und dass bei Rückenproblemen Bewegung gut und Übergewicht schlecht ist, ist ebenfalls kein Staatsgeheimnis.

Der spielerische digitale Schubser

Informationen können auf vielen Wegen zum Patienten gelangen, Gehhilfen zur Verinnerlichung ebenfalls. Schulungen, Beratungen, Telefonate, Briefe sind Möglichkeiten – aber digitale Patientenbegleitung kann weit über die Möglichkeit der Erinnerung per Newsletter, SMS oder mobile Applikationen hinaus gehen, auch wenn diese Mittel durchaus die Basis zu Adhärenz-Unterstützung bilden sollten. Gerade beim Prozess des Verinnerlichens bieten spezielle Websites ebenso wie Social Media – optimalerweise im Verbund – ein wahres Füllhorn an Optionen.

Diabetes Management Spiel auf Accu-Chek.deDafür, Non-Adhärenz mit Hilfen von digitalen Spielen zu begegnen, gibt es bereits zahlreiche Beispiele, die sogenannten „Serious Games“ oder „Health Games“. „Re-Mission„, bei dem der Spieler verschiedene Krebsarten bekämpft, dürfte der populärste Fall sein, dessen positive Adhärenz-Effekte auch wissenschaftlich belegt sind. Re-Mission 2 wurde erst kürzlich mit gleich sechs Nachfolge-Games gelauncht. Der Einsatz von Wii-Spielen zur Verbesserung von Motorik und Koordination oder das Diabetes Management Spiel der Diabetes Care Marke Accu-Chek sind weitere Ansätze.

Insgesamt bieten digitale Wege die vielfältigsten Möglichkeiten, Informationen ansprechend und unterhaltend zu verpacken – idealerweise mittels multimedialer Umsetzung. Film, Ton und natürlich auch Text: Emotion und Information lassen sich am sinnvollsten mit dieser Bandbreite verweben. Wie sieht der Patienten -Alltag aus, was sind die Probleme und Bedürfnisse – und damit Einfallschneisen in Kopf und Verhalten des Patienten? Patienten hier auf Augenhöhe zu begegnen, ist die halbe Miete. Motivierend und echte Hilfen, das Ziel Selbstmanagement zu erreichen, sind Inhalte dann, wenn sie die Möglichkeit geben, selbst zu entdecken und zu erleben – und damit den Patienten dabei unterstützen, sich aktiv mit seiner Gesundheit bzw. seiner Krankheit auseinanderzusetzen.

Social Media als digitales get together

Selbsthilfegruppen, in denen man sich mit Leidensgenossen über Erfahrungen mit Therapien und Medikamenten austauscht, gelten unter dem Stichwort „soziale Unterstützung“ als Adhärenz-fördernd. Social Media-Kanäle, allen voran Facebook, können eine Art digitale Selbsthilfegruppe sein, die sich von Pharma-Unternehmen „angeschubsen“ lassen. Wenn man es schafft,  ein Konzept für eine lebendige Kommunikation rund um die Triangel Krankheit-Medikament-Therapie zu entwickeln, wird man erleben, dass man sich ab einem bestimmten Punkt zurücklehnen kann: Die Kommunikation findet zwischen den Nutzern (Patienten) statt. Umfragen oder Quizzes können Mittel sein, Informationen zu vermitteln, zu erinnern, sich mit anderen auszutauschen und vielleicht auch mit einer Belohnung und einer Art Wettbewerb verbunden sein – womit im Idealfall gleich eine Vielzahl an Adhärenz-fördernden Prinzipien mit einem Schlag erreicht wäre. Im Fokus solcher Social Media-Aktionen sollte das Bemühen liegen, dass sich die Patienten untereinander austauschen: Gerade, Menschen, die dazu neigen Ärzten, Fachpersonal und erst recht Beipackzetteln mit Misstrauen zu begegnen, sind am ehesten durch Mit-Patienten zu erreichen  – und von der Notwendigkeit einer Therapie oder eines Medikaments zu überzeugen. Eine interessante Nebenwirkung für Pharma-Unternehmen ist dabei, dass sie so eventuell interessante Einblicke und Daten, z. B. über die Beliebtheit bestimmter Medikamente oder Therapien von Patienten bekommen.

Und doch: Vergiss mein nicht

Nachdem all dies gesagt ist: Selbstverständlich gehören Erinnerungen zum A & O der Adhärenz-Unterstützung. Und genauso selbstverständlich sind auch hier digitale Mittel immer überzeugender. Newsletter, SMS, Apps, das alles sind Wege Patienten direkt zu erreichen, zu erinnern und zu informieren. Und auch dem Argument, dass gerade ältere Patienten damit nicht zu erreichen seien – weil sie die Geräte nicht besitzen und oder die Techniken nicht beherrschen – bleibt nicht mehr viel Spielraum. Medisafe etwa ist hier wegweisend: Zusätzlich zum Patienten werden andere, vorher bestimmte Personen, per App über die Medikamenteneinnahme benachrichtigt – eine Variante, die den Faktor soziale Kontrolle mit einschließt und speziell für ältere Patienten, die ihre Medikamenteneinnahme schlicht vergessen, äußerst praktikabel ist.