Digitalisierung der Medizin: Gesundheits-Apps, smarte Uhren und Dr. Watson’s Big-Data-Diagnose

Die Digitalisierung der Medizin gilt als Megatrend der Zukunft. Denn Telemedizin, Health-IT oder Wearables verändern die Rolle von Patienten, Ärzten und Versicherungen. In einem Special der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 23. Oktober schreibt cyperfection-Geschäftsführer Georgios Manolidis zu aktuellen Trends und Entwicklungen:

cyperfection Geschäftsführer Georgios Manolidis

 

Medizinisches Fachwissen war lange Zeit nur Eingeweihten zugänglich. Seit sich Krankheitssymptome und Behandlungsmöglichkeiten einfach kurz googeln lassen, gehört die Rolle des unmündigen Patienten jedoch der Vergangenheit an. Nun kommt mit der Digitalisierung des Gesundheitswesens, kurz eHealth, der nächste große Umbruch: Gesundheits-Apps, Wearables & Co. könnten die Prävention und Behandlung von Krankheiten revolutionieren – und dabei auch die Rolle des Patienten in der Therapie weiter stärken.

Was im Inneren des Körpers vorgeht, hat die Menschen schon immer brennend interessiert. Trendige Armbänder und Uhren, die die Schritte zählen, die Herzfrequenz messen und den Schlaf analysieren, stillen dieses alte Bedürfnis heutzutage auf noch nie dagewesene Art und Weise. Das Smartphone – ohnehin stetiger Begleiter des Alltags – wertet dann die gesammelten Daten per App aus und etabliert sich zum persönlichen Gesundheitsassistenten. Für diese mobile Variante der digitalen Medizin gibt es auch schon einen Namen: mHealth. Doch die smarten Apps und Gadgets können mehr als gesundheitsbewussten Lifestyle. Sie sollen bald einen wichtigen Baustein in der medizinischen Gesamtversorgung von Patienten darstellen.

Der Patient als aufgeklärter Partner in der Therapie

Das größte Potential von mHealth liegt in der Therapie von chronischen Krankheiten. Bei diesen hängt ein langfristiger Therapieerfolg nämlich maßgeblich von der Motivation der Patienten ab, sich an die Vorgaben des Arztes zu halten. Erfolgreiche medizinische Apps setzen genau dort an: Durch intelligente Belohnungssysteme, einen spielerischen Ansatz und den Austausch mit anderen Nutzern sollen Patienten dauerhaft motiviert bleiben. Keine leichte Aufgabe bei Krankheiten wie Typ-2-Diabetes, für deren erfolgreiche Therapie – oder Vorbeugung – man die eigene Lebensweise meist grundlegend verändern muss. Mit mHealth wird dabei auf intrinsische Motivation gesetzt: Statt sich den Vorschriften des Diabetologen unreflektiert zu folgen, wird der Patient zum aufgeklärten und gleichgestellten Partner in der Therapie, der seine Krankheit mithilfe von digitalen Anwendungen weitgehend selbst managt. Auch Krankenversicherungen haben das Präventionspotential der Apps entdeckt und verschiedene Anwendungen in ihre Leistungen mit aufgenommen. Mit der Gesund & Fit App der Süddeutschen Krankenkasse kann man sich zum Beispiel anhand einer interaktiven Körperfigur über bestimmte Symptome informieren. Mithilfe einer riesigen Datenbank macht die App Vorschläge für Ursachen und zeigt Maßnahmen zur Vorbeugung oder Therapiemöglichkeiten auf.

Alltagstauglichkeit als entscheidender Faktor

Ob ein gesünderes Leben mithilfe von mHealth-Angeboten wirklich Realität wird, hängt stark von der Qualität der Anwendungen ab. Die Technik von Smartwatches, Fitness-Armbändern und anderen Wearables kann in Sachen Alltagstauglichkeit bis jetzt nicht immer punkten. Studien zeigen, dass die Geräte des Öfteren mit leeren Batterien auf dem Nachttisch liegen bleiben – und somit das Ideal der kontinuierlichen Datenerhebung meist gar nicht erreicht werden kann. Für genaue Messergebnisse bei Herzfrequenz- oder Blutdruckwerten müssen die Wearables außerdem sehr eng getragen werden, was von Nutzern oft als unangenehm empfunden wird. Hier wird sich in Zukunft sicherlich noch einiges tun – zum Beispiel im Bereich von implantierbaren Lösungen.

Mit der veränderten Rolle des Patienten steigt allerdings auch die Gefahr von Anwendungsfehlern. Macht die App einen unpassenden Therapie-Vorschlag oder wird ein Vorschlag vom Patienten falsch verstanden, können lebensgefährliche Situationen entstehen. Abschrecken kann auch die scheinbar unendliche Auswahl bei Gesundheits- und Wellness-Apps: Schätzungen zufolge sind weltweit etwa 80.000 bis 90.000 auf dem Markt. Bei der Menge fällt es schwer, eine vertrauenswürdige App zu identifizieren. In diese Bresche springen bis jetzt nur Plattformen wie HealthOn, nach eigenen Angaben die größte unabhängige Plattform für Gesundheits-Apps in Europa. Von Nutzern nach festgelegten Qualitätskriterien bewertet, bekommen die Apps ein Gütesiegel – ein möglicher Orientierungspunkt im unübersichtlichen Markt.

Big Data in der Diagnostik

Die Digitalisierung der Medizin bringt nicht nur Veränderungen für die Patienten, sondern auch für den Arbeitsalltag von Ärzten und Therapeuten mit sich. In der medizinischen Diagnostik wird auf „Big Data“ gesetzt – riesige Mengen von Gesundheitsdaten, die Patienten mit Apps und verschiedenen Tracking-Devices selbst sammeln. Die Daten werden zentral gesammelt, auf Gemeinsamkeiten untersucht und miteinander in Relation gesetzt, um daraus präzise Diagnosen und auf die Patienten zugeschnittene Behandlungspläne zu erstellen. Welche Dimensionen Health-IT in Form von Big Data annehmen kann, zeigt ein neuer Supercomputer von IBM. „Watson“ ist lernfähig und versteht Ironie – und kann innerhalb von Sekunden hunderttausende von medizinischen Befunden und Studien analysieren, um für eine bestimmte Kombination von Symptomen die perfekte Diagnose zu finden. Um eine vergleichbar große Datenmenge zu lesen, bräuchte ein einzelner Arzt Jahrhunderte.

Bei all diesen rasanten Entwicklungen gibt es natürlich auch Bedenken. Wo und wie werden die gesammelten Daten gespeichert? Um Datenschutzrichtlinien zu erfüllen, müssen Gesundheitsdaten anonymisiert werden. Trotzdem bleibt die Sorge, was mit ihnen geschieht und wer damit schlussendlich Gewinn macht. 2015 wurde in Deutschland das eHealth-Gesetz verabschiedet, dass die Digitalisierung der Medizin weiter vorantreiben und gleichzeitig adäquate Datenschutzrichtlinien etablieren soll. Das Gesundheitswesen ist sensibles Terrain – sicherlich ein Grund, warum die Digitalisierung hier etwas später eingesetzt hat, als in vielen anderen Lebensbereichen. Mittlerweile ist der Umbruch in vollem Gange und es liegt an den Akteuren in Forschung, Medizin, Politik und Wirtschaft, ihn positiv zu gestalten. Schließlich geht es um unser aller Gesundheit.

Kommentare (1)
  • Michael Schepers

    Oktober 25, 2016

    Sehr interessanter Artikel. Weiter so !
    Made in Ludwigshafen – *TOP*!

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