Boring! Screendesign im Zeitalter der Post-Post-Moderne.

Autor David Link ist Geschäftsleiter Creative & Beratung bei cyperfection. Gelangweilt von der gegenwärtigen Uniformität im Webdesign, fordert er in der aktuellen Ausgabe der PAGE die Rückkehr der verlorenen Aura und Mut zur Inszenierung. 

 

Wie Uniformität die Aura im Web zerstört – eine Meinung.

Wir klicken, tappen und swipen und sind immer auf der Suche nach neuer Innovation im Web. Im endlosen Dschungel postmoderner Referenzketten gleicht eine Corporate Page der anderen. Man tausche Logo, ein paar Farben und Webfonts und schwupps erhält man eine neue Präsenz – strukturell analog zu 90% der der Wettbewerber. Das Web ist gerade im Corporate Bereich trist, oder laut Chef-Philosoph Homer J. Simpson, „boring“ geworden.

Beschreibt man Webdesign als Kunst, scheint dem Kunstwerk, ganz im Sinne von Walter Benjamin, die Aura abhandengekommen zu sein. Benjamin skizzierte 1935 in seinem Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit“ die einschneidenden Veränderungen der Arbeitswelt durch Automatisierung, die sich zeitlich verzögert auch auf die Kunst ausgewirkt haben. Die auf diese Weise von Benjamin analysierten „Entwicklungstendenzen der Kunst unter den gegenwärtigen Produktionsbedingungen“ werden von einem Phänomen dominiert, das mit dem „Verfall der Aura“ beschrieben wird.

Ausstrahlung gesucht! Heute: Screendesign.

Was sind also die Gründe dafür, dass vielerorts im Web ein Gleich-Gleich gilt? Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Wir haben ihm beigebracht die von uns geschaffenen Trampelpfade zu nutzen, ihn gelehrt was dieser „Burger“ oben rechts zu bedeuten hat und wie man sich generell auf einer Website zu bewegen hat. Marktstudien, Laufstudien, Funnels, Eye-tracking, Beobachtungen – all das haben wir unternommen damit das Web genauso wird, wie die „kapitalistische Produktionsästhetik“ – schnell, praktisch und gut. Was man sich dann so erswiped und erklickt ist dann meist ziemlich ähnlich und selten überraschend.

Auch Google schätzt das Schema F und straft – trotz kontinuierlicher Verbesserung und immer komplexer werdenden Algorithmen – ab, was nicht mit den üblichen Kriterien konform geht. Relevanz entsteht für Google hauptsächlich durch klar strukturierte Textinhalte und optimierte Ladezeiten, mit immer stärkerem Fokus auf Usability. Kein Raum also für bildgewaltige, kreative Ausbrüche, die den Nutzer dazu bewegen, Inhalte selbstständig zu erkunden, statt auf den Präsentierteller gelegt zu bekommen. Die aktuelle Sau die durch‘s digitale Dorf getrieben wird: AMPs (Accelerated Mobile Pages). Konformgetreuer kann man sich eigentlich nicht an die „spaßbefreite Zone“ Web anbiedern. Vorzüglich ranken übrigens Pages mit der Webtechnologie der 2000er Jahre.

Along came the Templates

Die „Industrialisierung des Screendesigns“ erreichte mit dem zunehmenden Einsatz von Templates eine neue Dimension. Nachvollziehbar. Warum immer das Rad neu erfinden, wenn es gute und günstige Vorlagen gibt, die mit ein paar Anpassungen im CSS schnell die Anforderungen der Konzeption erfüllen? Meist von Haus aus schon SEO-optimiert und responsive. Praktisch. Aber eben same, same…

Put the Aura back!

Marken allerdings müssen sich zukünftig viel stärker durch die Qualität der Interaktionen mit den Kunden definieren. Sorgfältig inszenierte und choreografierte „Ahas!“ und Mikrointeraktionen zeichnen sich als distinktives Merkmal aus. Es gilt, Interaktionserlebnisse zu schaffen, die der Nutzer als markentypisch empfindet. Ein Ausbruch aus konformen Produktionsprozessen ist dann unabdingbar. Der Appell: Nicht nur Mut zur Botschaft, sondern auch zur Art der Inszenierung. Und in der Zwischenzeit klicken und swipen wir mal alle so weiter wie gewohnt …

 

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